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“Es war einmal, als …”

Eine Familiengeschichte von Lieselotte Sunder-Plaßmann

Liebe Carolin,

zu Nikolaus möchte ich dir eine Familiengeschichte schenken: Als Kind betrachtete ich gerne alte Fotos. Eins hatte es mir besonders angetan.

Es zeigt eine Gruppe kleiner Kinder im hohen Schnee, mit Fellmützen auf dem Kopf. “Das sind deine Onkel und Tanten mit ihren Russenmützen”, erklärte dann mein Vater. Damals wohnten meine Großeltern in Russland. Opa Gustav war ein gefragter Gießereimeister, der ‘die Scholle’ im Sauerland verlassen hatte und in aller Welt Gießereien baute. So auch, wohl zwischen 1903 und 1907, eben in Russland, wo genau, weiß ich nicht mehr. Mein Onkel Walter – dein Urgroßvater, liebe Carolin, – hat mir davon oft erzählt.

Die Familie wohnte in einem Blockhaus im Wald. Es gab einen großen Kachelofen im Zimmer, auf dessen Bank die Kinder schlafen durften, eingepackt wie kleine Eskimos. Es war Heiligabend, bereits dunkel, und Gustav war noch immer nicht zu Hause. Das Brennholz war ausgegangen, aber die junge Frau traute sich nicht nach draußen, denn sie hörte Wölfe heulen, und sie kamen immer näher. Zu allem Überfluss fing jemand an, draußen zu lärmen und an die Tür zu schlagen. Klara dachte an marodierende, betrunkene Waldarbeiter, bis eine bekannte Stimme sie energisch zum Öffnen aufforderte: Gustavs Freund war als “Vorhut” gekommen, mit einen Christbaum, eben im Wald geschlagen, von dem noch der Schnee abgeschüttelt werden musste. Schnell erfasste er die Situation, brachte Feuerholz ins Haus und fütterte den Ofen. Dann kam Gustav, vollgepackt mit Weihnachtsgeschenken, den Christbaumkerzen und den Kugeln.

Die hatte er in der Eile vergessen gehabt zu kaufen und das hatte zu seiner Verspätung geführt. Es ist dann ein frohes Fest geworden, mit Kindern, die stolz die neuen Fellmützen ausprobierten und drei Erwachsenen, die ihnen bei Glühwein und Plätzchen zusahen.

Herzlich, Tante Lilo